Der Umweg: Neoprenanzug, Badesee und warum gerades Schwimmen gelernt sein will
Triathlon-Reihe, Teil 2
Kevin ist 35, läuft 10 Kilometer in 44 Minuten und investiert gern in gute Ausrüstung. Als er sich für seinen ersten Triathlon über die Sprintdistanz am Badesee in der Nähe anmeldete, 750 Meter Schwimmen, dann Rad und Lauf, kaufte er einen hochwertigen Triathlon-Neoprenanzug.
Dabei traf er eine Entscheidung, die viele Läufer treffen: Der Anzug schwimmt, also wird das Schwimmen schon klappen.
Ein Carbonschuh fürs Wasser
Ein Neoprenanzug hilft tatsächlich. Er hebt Hüfte und Beine an, und für einen Läufer mit absinkenden Beinen fühlt sich das zunächst wie die Lösung an. Für Läufer gibt es einen passenden Vergleich: Der Neoprenanzug ist wie ein Carbonschuh. Er macht einen guten Läufer schneller, aber er bringt keinem das Laufen bei. Genauso macht der Anzug gutes Schwimmen leichter. Aus schlechtem Schwimmen macht er kein gutes.
Das merkte Kevin nach etwa 200 Metern. Seine Beine lagen gut im Wasser, aber der Kopf war oben, die Arme schlugen hektisch, und die Atmung war flach und schnell. Der Anzug tat seinen Teil. Die Technik fehlte.
Keine schwarze Linie
Dann kam die zweite Überraschung. Im Becken gibt es die schwarze Linie am Boden und alle 25 Meter eine Wand. Im See gibt es trübes Wasser, ein paar Bojen und die ungefähre Vorstellung, wo das Ziel liegt.
Kevin schwamm zwanzig Züge mit dem Kopf unten, schaute auf und stellte fest, dass die Boje nun links von ihm lag. Er korrigierte. Zwanzig Züge später lag sie rechts. Er schwamm im Zickzack über den See.
Seine Uhr zeigte am Ende 870 Meter. Die Strecke war 750 Meter lang.
Peilen, ohne den Rhythmus zu verlieren
Im Freiwasser driftet jeder ab. Ohne Linie am Boden schwimmt niemand perfekt gerade. Entscheidend ist, die Richtung regelmäßig zu prüfen, ohne den Zug zu unterbrechen.
Heb nur die Augen aus dem Wasser, nicht den ganzen Kopf, wie ein Krokodil. Kurz die Boje anpeilen, dann den Kopf zur Seite drehen und normal atmen. Erst peilen, dann atmen. Nicht beides gleichzeitig mit hoch erhobenem Kopf, sonst sinken die Beine, Neoprenanzug hin oder her.
Peile am Anfang alle sechs bis zehn Züge. Bei ruhigem Wasser und geradem Kurs reicht es seltener, bei Wellen oder vollem Feld öfter.
Vier Regeln für deinen ersten Triathlon im See
- Den Neoprenanzug vor dem Wettkampf testen. Starte nie in einem Anzug, den du nur zu Hause anprobiert hast. Teste ihn im Freiwasser, mit Begleitung oder Aufsicht.
- Die Technik beibehalten. Kopf unten, lang machen, ruhig ausatmen. Der Anzug unterstützt einen guten Zug. Er ersetzt ihn nicht.
- Krokodilblick, dann atmen. Nur die Augen kurz über Wasser, dann zur Seite drehen und atmen.
- Große Orientierungspunkte wählen. Such dir am Wettkampfmorgen hinter jeder Boje einen Baum, ein Haus oder einen Kirchturm. Große Punkte sind leichter zu finden als kleine Bojen.
Was Kevin mitgenommen hat
- Der Neoprenanzug ist wie ein Carbonschuh: Er macht gute Technik schneller, er ersetzt sie nicht.
- Ohne schwarze Linie driftet jeder ab. Früh und regelmäßig peilen.
- Nur die Augen heben, nicht den Kopf, damit die Beine oben bleiben.
- Der geradeste Weg ist meist auch der schnellste.
Kevin hat für das nächste Jahr wieder gemeldet, diesmal mit mehreren Trainingseinheiten im See vorab.
Kevin hat gelernt, dass Ausrüstung keine Technik ersetzt und dass ein See wenig verzeiht. Im Freiwasser kommt alles auf einmal: Kälte, Tiefe, die man nicht sieht (wie du damit umgehst, behandelt das Buch ausführlich), keine Wand, keine Linie, dazu die Arme und Beine anderer Starter. Ist dein Zug nicht automatisiert, trifft all das gleichzeitig auf einen ohnehin beschäftigten Kopf, und der Läuferinstinkt übernimmt: Kopf hoch und kämpfen. Deshalb lässt sich Freiwasserschwimmen nicht an einem Dienstagabend vor einem Wettkampf am Samstag aus einem Artikel lernen. Es braucht einen sorgfältigen, schrittweisen Übergang: zuerst ein ruhiger, automatisierter Zug im Becken, dann ein begleitetes erstes Schwimmen im Freiwasser an einem warmen Tag, dann der Neoprenanzug, dann das Peilen, dann kälteres Wasser, jeder Schritt erst, wenn der vorherige sicher sitzt. Das Buch Vom Läufer zum effizienten Schwimmer: Kraulen meistern führt dich genau durch diese Reihenfolge, einschließlich der mentalen Seite: was du tun kannst, wenn sich im Kopf die Frage meldet, was da unten im dunklen Wasser ist. Ein bewährter Ablauf, aufgebaut, damit sich dein Unterbewusstsein Schritt für Schritt ans Freiwasser gewöhnt, bis der See sich anfühlt wie ein sehr großes Becken mit schönerer Aussicht.
Als Nächstes in der Reihe: die erste Kurzdistanz und ein Läufer, der nach dem Schwimmen keine Kraft mehr für das Rad hatte.
Take it easy,
Heiko